Die Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP) ist ein außenpolitisches Instrument der Europäischen Union, das darauf abzielt, Europa seinen südöstlichen Nachbarn näher zu bringen, um die Beziehungen zwischen diesen Ländern und der EU zu stärken. Dazu zählen Länder, die eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union oder eine engere Integration in den Block anstreben. Seit der EU-Erweiterung im Jahr 2004 bestand die ursprüngliche Absicht der ENP darin, die Schaffung neuer Grenzen innerhalb Europas zu vermeiden und die Entstehung neuer Trennlinien zu verhindern.
Die Vision der Europäischen Nachbarschaftspolitik besteht darin, einen Kreis von Ländern um Europa herum zu schaffen, die weiter integriert werden können, ohne vollwertige Mitglieder der Europäischen Union zu werden.
Zu den von der ENP abgedeckten Ländern gehören Algerien, Ägypten, Israel, Jordanien, Libanon, Libyen, Marokko, Palästina, Syrien und Tunesien im Süden sowie Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Georgien, Moldawien und die Ukraine im Osten. Russland nimmt mit seinem Sonderstatus am gemeinsamen Raum EU-Russland teil und fällt nicht in den Geltungsbereich der ENP.
Es ist klar, dass die ENP nicht nur ein diplomatisches Instrument ist, sondern auch an strenge Auflagen für nachhaltige Regierungsreformen, Wirtschaftsreformen und andere positive Transformationsmaßnahmen geknüpft ist. Grundlage dieser Prozesse ist in der Regel ein zwischen Brüssel und dem Zielland vereinbarter Aktionsplan. Die EU unterzeichnet Assoziierungsabkommen mit diesen Ländern im Austausch für ihre Verpflichtungen zu politischen, wirtschaftlichen, handelspolitischen und menschenrechtlichen Reformen.
Historischer HintergrundDurch Assoziierungsabkommen können diese Länder zollfreien Zugang zu einem Teil oder dem gesamten EU-Markt sowie finanzielle oder technische Unterstützung erhalten.
Die Europäische Nachbarschaftspolitik wurde erstmals im März 2003 von der Europäischen Kommission vorgeschlagen, um die Beziehungen zwischen der Europäischen Union und ihren Nachbarländern zu fördern. Im Rahmen der Strategie nach der Erweiterung im Jahr 2004 zielt die Politik darauf ab, in Europa keine Trennlinien mehr zu bilden. Im Süden ist die Europäisch-Mediterrane Partnerschaft die feste Politik der ENP, während im Osten die Östliche Partnerschaft die politische Initiative darstellt. Beide zielen darauf ab, die Beziehungen zwischen der EU und ihren Nachbarn weiterzuentwickeln.
Im Rahmen der 2011 von der EU eingeleiteten neuen Runde der ENP-Politik wurden in den letzten Jahren Finanzhilfen in Höhe von über 1,2 Milliarden Euro bereitgestellt, wobei sich die Gesamtsumme auf knapp 7 Milliarden Euro beläuft. Die wichtigste Priorität des Plans lautet „mehr Geld für mehr Reformen“, mit dem Ziel, die individuellen und regionalen Beziehungen zwischen der EU und ihren Nachbarn zu stärken.
Die Finanzierung der europäischen Nachbarschaftspolitik erfolgte zunächst über das Europäische Nachbarschafts- und Partnerschaftsinstrument (ENPI), das 2014 in Globales Europa (NDICI) umbenannt und 2021 darin aufgegangen ist. Das Programm verfügt über ein Budget von 15,4 Milliarden Euro und stellt die Hauptfinanzierung für eine Reihe von Initiativen bereit. Die Zuteilung dieser Mittel hängt von der Leistungsbewertung der Zielländer ab, wobei den Grundsätzen der Flexibilität und schnellen Reaktion besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Die im Rahmen der Europäischen Nachbarschaftspolitik geschlossenen Abkommen sind in den Rahmen des Stabilisierungs- und Assoziierungsprozesses (SAP) und der ENP eingebunden. Diese Abkommen erstrecken sich auf die Nachbarländer der EU im Mittelmeerraum und in Osteuropa und decken in der Regel nicht den Beitritt der jeweiligen Länder zur EU ab, da diese Mittelmeerländer nicht auf dem europäischen Kontinent liegen.
Nach der Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens wird die EU eine nationale Berichterstattung durchführen und beide Parteien werden gemeinsam einen Aktionsplan aushandeln, der konkrete Reformen und EU-Finanzierung umfasst.
Trotz der Einführung der Östlichen Partnerschaft hatten Wissenschaftler bereits vor 2010 begonnen, diese Politik zu kritisieren. Einige Studien haben gezeigt, dass die EU in ihrer Östlichen Nachbarschaftspolitik unter zahlreichen konzeptionellen Verwirrungen und empirischen Schwierigkeiten leidet. Viele Kommentatoren sind der Meinung, dass die Nachbarschaftspolitik die eigenen Interessen und Werte der EU überbetont und gleichzeitig die Spontaneität und Gleichberechtigung der Zusammenarbeit mit den Nachbarländern außer Acht lässt.
Die Ereignisse des Arabischen Frühlings haben die engen Verbindungen zwischen den Machthabern Nordafrikas und den Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten deutlich gemacht und weitverbreitete Zweifel geweckt. So trat etwa der französische Außenminister wegen Geschäftsbeziehungen mit dem Regime des ehemaligen tunesischen Präsidenten Ben Ali zurück.
Auch wenn die konkrete Umsetzung der ENP mit Herausforderungen verbunden ist, bleibt sie eine der Schlüsselstrategien der EU im Umgang mit komplexen internationalen Beziehungen. Wie wird die EU in Zukunft ihre Beziehungen zu ihren Nachbarn anpassen und in einem sich verändernden internationalen Umfeld geeignetere Kooperationsmodelle finden?